Die älteste Mäandergeneration

(Abb.: Flächen 4.4.2.2, 4.4.2.3)

Die Altläufe der ältesten Rheinmäander schneiden sich mit einer markanten Stufe in das Hochgestade ein. Sie sind auffallend breit und in torfhaltige Rinnen und sandige Dammuferrücken gegliedert. Die Umlauffläche, die durch eine Vielzahl kleiner, mit tonigen Auensedimenten verfüllten Rinnen gegliedert ist, trägt bis auf einige Areale weniger sandige Sedimente als das Hochgestade. Das Trockenfallen dieser ältesten Mäandergeneration und der Beginn der terrestrischen Bodenbildung setzte wohl während des Boreals, vor ca. 8000 bis 9500 Jahren ein.

 

Charakteristisch für diese Mäandergeneration sind tief humose Böden mit Mächtigkeiten bis ca. 60 cm (Schwarzerden, Tschernoseme). Ihre Genese wird auf intensive Bioturbation zurückgeführt. Während des Boreals herrschte am Oberrhein ein kontinentales, durch trocken-heiße Sommer und kalte Winter gekennzeichnetes Klima, das ein wenig dem der osteuropäischen Steppenlandschaften ähnelte. Für ein reines Grasland gibt es allerdings keine ausreichenden Belege, doch darf man auf den kalkhaltigen, äußerst nährstoffreichen Auensedimenten üppiges Krautwachstum in den Wäldern voraussetzen, die einem extrem reichen Bodentierleben überreichlich Nahrung boten. Die schnell mineralisierte organische Substanz wurde vornehmlich von Regenwürmern konsumiert und in den Boden eingewühlt (Bioturbation).

 

Dabei entstanden die für Schwarzerden so typischen, dunkel färbenden sehr stabilen Ton-Humus-Komplexe. Die niederschlagsarmen Klimaverhältnisse und die kalten Winter verhinderten die Entkarbonatisierung, Basenverarmung und pH-Wert-Absenkung und bewahrten die optimalen Bedingungen für die Bioturbation. Trotz der im Atlantikum einsetzenden maritimeren Klimabedingungen konnten sich diese Böden großflächig als Relikte erhalten, Weiterentwicklungen oder gar Neubildungen können nicht beobachtet werden. Auf etwas sandigeren Substraten setzte die Entkalkung früher und schneller ein, Humus wurde abgebaut und Silikate verwittert. Die Folgen sind ein saures Milieu, Tonmineralneubildung und -verlagerung: die Schwarzerden/Tschernoseme "degradierten" zu Parabraunerden.

 

Die ökologische Bewertung der Parabraunerden des Hochgestades wird von den Tschernosemen der älteren Mäandergenerationen noch deutlich übertroffen. Daher verwundert die intensive ackerbauliche Nutzung der Flächen nicht, die gleichfalls schon im Neolithikum einsetzte und auch die gleichen Folgen der Bodenerosion und Ackerbergbildung zeitigte. Die Bodenverluste sind umso bedauerlicher, da die Bodenbildung weniger tief als bei der Parabraunerde reicht und die Schwarzerden als Böden einer gänzlich anders gestalteten vorzeitlichen Umwelt eine Archivfunktion besitzen.

 
Eine starke Differenziertheit der Bodengesellschaft zeigen die trocken gefallenen Altläufe, die durch zahlreiche linsen- bis tropfenförmig gestreckte Rücken und Rinnen, die Sandbänken, Uferdämmen bzw. Bereichen höchster Fließgeschwindigkeit des einstigen Flusslaufes entsprechen. In vielen Rinnen entstanden nach der Abschnürung in den Wasser erfüllten Altläufen "Niedermoore" mit z. T. 3 - 4 m mächtigen Torflagen.

 

Niedermoore, die von einem sehr hohen Grundwasserstand an oder nahe Geländeoberfläche genährt werden, entstehen durch die Anhäufung postmortaler organischer Substanz, die in dem anaeroben Milieu nicht verwest und daher erhalten bleibt. Die Torfmasse besteht folglich aus mehr oder weniger intensiv zersetzten Pflanzenresten. Da das Grundwasser kalkhaltig ist, sind die Niedermoore des Riedes eutroph mit hohem Basengehalt.

 

Neben ihrer Seltenheit und ihrer Funktion als besonderer Pflanzenstandort besitzen Niedermoore eine bedeutsame Archivfunktion. Durch die erhaltenen Pflanzengesellschaften, aber auch durch die eingetragenen Pollen, lassen sich angesichts der leichten Datierbarkeit organischer Substanz vorzeitliche klimatische und ökologische Umweltbedingungen, selbst kulturell-gesellschaftliche Verhältnisse rekonstruieren. Intakte Moore sind land- oder forstwirtschaftlich nicht nutzbar. Dennoch besitzen Moore nur noch selten ihr ursprüngliches Profil. Hingegen ist die Wasser-, Gefüge- und Nährstoffdynamik meistens durch Entwässerungs- und Nutzungsmaßnahmen gestört und verändert worden. Der massivste Eingriff ist die Torfentnahme selbst, die eine Totalzerstörung des Bodens zur Folge hat. Wesentlich weiter verbreitet ist die Entwässerung. Sie beabsichtigt in der Regel eine Trockenlegung, um das Moor wegen seiner enormen Stickstoff- und Basenreserven in die landwirtschaftliche Nutzfläche zu integrieren.

 

Da die Torfprofile immer wieder Einlagerungen mineralischer Substanz haben, stellenweise sogar von lehmig-tonigen Ablagerungen überdeckt sind, versprach die Urbarmachung noch bis in jüngste Zeit wirtschaftlichen Gewinn. Die Veränderung der Wasserverhältnisse leitet sofort den aeroben Humusabbau ein, die Mächtigkeit schrumpft und das Gefüge bricht zusammen: das Niedermoor vererdet. Der Versuch, durch Wiedervernässung den Zerstörungsprozess rückgängig zu machen, gelingt nicht, sondern man kann nur auf neues Moorwachstum auf dem Restmoor hoffen.

Andere Rinnen sind mit feinkörnigen bis tonigen Stillwassersedimenten gefüllt. Auch sie besitzen einen relativ hohen Grundwasserstand, doch nicht so extrem wie die Moore. Die erhabenen Rücken sind dagegen nur im tieferen Untergrund vom Grundwasser beeinflusst. Den landschaftlichen Reiz dieser Altläufe macht die enge Nachbarschaft so unterschiedlicher Standorte aus.